Krafttraining ist gut für Muskeln. Das weiß heute fast jeder. Aber was passiert dabei mit dem Herz? Mit dem Blutdruck? Mit den Blutwerten? Und verbessert Widerstandstraining eigentlich auch die Ausdauer, oder ist das wirklich nur Sache des Cardio-Trainings?

Diese Fragen begleiten mich seit über 20 Jahren als Coach. Und die Antworten haben sich in dieser Zeit deutlich verändert. Was früher als klare Trennung galt, Ausdauer für das Herz, Kraft für die Muskeln, ist heute wissenschaftlich überholt. Die Forschung zeigt: Krafttraining wirkt auf das gesamte Herz-Kreislauf-System. Tiefer und umfassender, als viele gedacht haben.

Florian Berlinger
Florian Berlinger, BA  ·  Fitness Coach seit 2005, eigenes Studio seit 2011

„In meinem früheren Studio arbeitete ein Bodybuilder, der ausschließlich Krafttraining machte. Kein Laufen, kein Radfahren, kein Ausdauertraining. Eines Tages machten wir gemeinsam einen Leistungstest auf dem Fahrradergometer. Das Ergebnis hat mich überrascht: Er war richtig gut. Deutlich besser, als ich es von jemandem ohne Ausdauertraining erwartet hätte. Das hat mich damals zum Nachdenken gebracht, und heute, mit allem was die Forschung zeigt, ergibt es vollständig Sinn.“

Verbessert Krafttraining die Ausdauer?

Die kurze Antwort: Ja. Aber nicht auf dem direkten Weg, den viele erwarten.

Ausdauerleistung hängt nicht nur davon ab, wie lange du laufen oder Rad fahren kannst. Sie hängt davon ab, wie effizient dein Körper mit Sauerstoff und Energie umgeht, wie belastbar deine Muskeln sind, wie gut dein Herz Blut durch den Körper pumpt, und wie ökonomisch deine Bewegungen ablaufen. Genau hier setzt Krafttraining an.

Systematisches Review · Sports Medicine, 2024

Krafttraining verbessert Laufökonomie und Ermüdungsresistenz

Eine aktuelle Metaanalyse zeigt: Gezieltes Krafttraining verbessert die Laufökonomie, also wie viel Energie du für eine bestimmte Geschwindigkeit benötigst, messbar. Muskeln, die stärker sind, arbeiten effizienter. Du brauchst weniger Energie für die gleiche Leistung. Das bedeutet: Mehr Ausdauer, ohne eine einzige Laufrunde zu drehen. Zusätzlich steigt die Ermüdungsresistenz, also die Fähigkeit, Belastung länger aufrechtzuerhalten, bevor die Muskeln nachlassen.

Was steckt dahinter? Wenn Muskeln stärker werden, muss jede einzelne Muskelfiber bei gleicher Belastung weniger leisten. Das senkt die Herzfrequenz unter Belastung, weil der Körper insgesamt effizienter arbeitet. Genau das hat der Bodybuilder im Fahrradtest gezeigt: Sein Herz musste bei moderater Belastung wenig tun, weil seine Muskeln die Arbeit problemlos aufnehmen konnten.

Dazu kommt: Krafttraining stärkt den Herzmuskel direkt. Das Herz ist ein Muskel. Und wie alle Muskeln profitiert es von regelmäßiger Belastung. Es wird leistungsfähiger, pumpt mit jedem Schlag mehr Blut, und muss insgesamt weniger oft schlagen, um den Körper zu versorgen.

Der Ruhepuls: Ein Fenster in deine Herzgesundheit

Der Ruhepuls ist einer der einfachsten und aussagekräftigsten Werte, den du selbst messen kannst. Morgens, noch vor dem Aufstehen, misst du deinen Puls über eine Minute. Das Ergebnis zeigt, wie effizient dein Herz in Ruhe arbeitet.

Ruhepuls Bewertung Was es bedeutet
unter 50 Schläge/min Sehr gut Typisch für gut trainierte Ausdauer- und Kraftsportler
50 bis 60 Schläge/min Gut Regelmäßig aktiv, gutes Herz-Kreislauf-Niveau
60 bis 80 Schläge/min Normal Durchschnitt für gesunde Erwachsene
über 80 Schläge/min Erhöht Hinweis auf Bewegungsmangel oder erhöhtes Risiko
über 100 Schläge/min Kritisch Ärztliche Abklärung empfohlen

Was viele nicht wissen: Regelmäßiges Krafttraining senkt den Ruhepuls langfristig, weil das Herz durch das Training effizienter wird und mit jedem Schlag mehr Blut auswirft. Der Effekt ist beim Ausdauertraining stärker ausgeprägt, aber auch nach reinem Krafttraining deutlich messbar.

Und noch etwas ist interessant: Wie schnell sich der Puls nach Belastung wieder senkt, ist ebenfalls ein Qualitätsmerkmal. Wer gut trainiert ist, kommt nach intensiver Belastung schnell wieder auf seinen Ruhewert zurück. Das nennt sich Herzfrequenzerholung, und sie verbessert sich durch regelmäßiges Training nachweislich.

Maximalpuls und Trainingszonen: Was ist normal?

Der Maximalpuls ist die höchste Herzfrequenz, die dein Herz unter maximaler Belastung erreicht. Er ist genetisch festgelegt und nicht trainierbar. Er sinkt mit dem Alter, unabhängig davon, wie fit du bist.

Die gängige Faustformel lautet: 220 minus Lebensalter. Das ist eine grobe Orientierung. Wer 45 Jahre alt ist, hat demnach einen theoretischen Maximalpuls von etwa 175 Schlägen pro Minute. Für die meisten Trainingsformen empfehlen Sportmediziner einen Bereich von 60 bis 75 Prozent des Maximalpulses, das sind bei diesem Beispiel 105 bis 131 Schläge pro Minute.

Was Krafttraining bewirkt, ist nicht eine Veränderung des Maximalpulses selbst, sondern eine Verschiebung der Effizienzschwelle: Du kannst bei gleichem Puls mehr leisten. Oder andersherum: Du erreichst denselben Puls bei höherer Belastung. Das ist die eigentliche Verbesserung.

220
minus Alter ergibt den geschätzten Maximalpuls
60–75%
des Maximalpulses als optimaler Trainingsbereich
40–50
Schläge/min Ruhepuls bei gut trainierten Sportlern

Blutdruck: Krafttraining als natürliche Medizin

Bluthochdruck ist eine der häufigsten Zivilisationskrankheiten. Er schädigt Gefäße, belastet das Herz und erhöht das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, oft ohne spürbare Symptome. Lange galt der Ratschlag: Wer Bluthochdruck hat, sollte kein Krafttraining machen. Dieser Ratschlag ist heute wissenschaftlich überholt.

Studie · Medicine and Science in Sports and Exercise

Krafttraining senkt den Blutdruck messbar

Eine Langzeitstudie mit über 13.000 Probanden zeigt: Regelmäßiges Krafttraining kann den systolischen Blutdruck um bis zu 20 mmHg senken. Das entspricht der Wirkung einiger blutdrucksenkender Medikamente. Zusätzlich öffnet Krafttraining die Kapillaren, verbessert den Blutfluss und verringert den Widerstand in den Gefäßen. Wer unter Bluthochdruck leidet, sollte daher unbedingt regelmäßiges Widerstandstraining in seinen Alltag integrieren.

Der Normalbereich für Blutdruck liegt bei 120 zu 80 mmHg. Werte ab 140 zu 90 mmHg gelten als Bluthochdruck und erfordern Aufmerksamkeit. Wichtig: Während einer einzelnen Krafttrainingseinheit steigt der Blutdruck kurzfristig deutlich an, das ist normal und physiologisch korrekt. Langfristig und dauerhaft sinkt er durch regelmäßiges Training.

„Wer sein Herz stärken möchte, braucht auch Krafttrainingsreize. Starke Muskeln entlasten das Herz.“

Prof. Timm Bauer · Chefarzt Kardiologie, Sana Klinikum Offenbach

Blutwerte: Was Krafttraining im Labor bewirkt

Blutbefunde wie Cholesterin und Triglyzeride klingen für viele nach trockener Medizin. Dabei erzählen sie eine klare Geschichte darüber, wie gut dein Stoffwechsel und dein Gefäßsystem funktionieren. Und Krafttraining beeinflusst sie nachweislich positiv.

HDL und LDL: Das Gleichgewicht zählt

Cholesterin ist nicht per se schlecht. Es gibt zwei entscheidende Arten: LDL, das sogenannte schlechte Cholesterin, das sich an Gefäßwänden ablagern kann, und HDL, das gute Cholesterin, das überschüssiges Cholesterin abtransportiert und die Gefäße schützt. Das Verhältnis zwischen den beiden ist entscheidend.

Wert Zielbereich Wirkung von Krafttraining
LDL-Cholesterin unter 130 mg/dl Wird durch Krafttraining signifikant gesenkt
HDL-Cholesterin über 60 mg/dl Wird durch Kraft- und Ausdauertraining erhöht
Triglyzeride unter 150 mg/dl Werden durch regelmäßiges Krafttraining gesenkt
Gesamtcholesterin unter 200 mg/dl Gesamtprofil verbessert sich durch kombiniertes Training

Der Mechanismus dahinter ist faszinierend: Krafttraining aktiviert Enzyme, die helfen, überschüssige Fette aus dem Blut abzutransportieren. Gleichzeitig erhöht Muskelmasse den Grundumsatz, was langfristig die Blutfettwerte positiv beeinflusst. Die Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining erzielt dabei die stärksten Effekte auf das gesamte Lipidprofil.

Atemvolumen: Mehr Kapazität durch stärkere Atemmuskeln

Das maximale Atemvolumen, also wie viel Luft du in einer Minute ein- und ausatmen kannst, ist ein Marker für die Belastbarkeit des Lungen- und Atemsystems. Krafttraining stärkt nicht nur Arme, Beine und Rücken, sondern auch die Atemmuskulatur, also Zwerchfell und Rumpfmuskeln. Das hat direkten Einfluss auf die Atemkapazität und damit auf die Ausdauerleistung. Wer unter Belastung effizienter atmet, ermüdet langsamer.

Warum Krafttraining und Ausdauer kein Widerspruch sind

Der Irrtum, den ich in 20 Jahren immer wieder höre: „Ich mache Krafttraining, also muss ich nicht laufen.“ Oder umgekehrt: „Ich laufe, also brauche ich kein Krafttraining.“ Beide Aussagen greifen zu kurz.

Krafttraining verbessert die Effizienz des gesamten Bewegungsapparates, senkt den Blutdruck, verbessert die Blutwerte und stärkt den Herzmuskel. Ausdauertraining aktiviert den Fettstoffwechsel direkt, trainiert die Sauerstoffaufnahmekapazität und hat starke Effekte auf das HDL-Cholesterin. Zusammen ergeben sie das vollständigste Bild von Gesundheit.

Meine Empfehlung für die meisten Menschen: zweimal pro Woche Krafttraining als Fundament. Wer zusätzlich spazieren geht, Rad fährt oder schwimmt, baut darauf optimal auf. Wer das nicht tut, profitiert allein vom Krafttraining bereits enorm, wie der Bodybuilder auf dem Ergometer eindrucksvoll gezeigt hat.

Florian Berlinger
Florian Berlinger, BA  ·  Fitness Coach seit 2005, eigenes Studio seit 2011

„Ich erlebe regelmäßig, dass Mitglieder nach einigen Monaten Krafttraining berichten, dass ihnen das Treppensteigen leichter fällt, dass sie beim Wandern nicht mehr aus der Puste kommen, dass sie sich insgesamt belastbarer fühlen. Das ist kein Zufall. Das ist Physiologie.“

Was du selbst beobachten kannst

Du brauchst kein Labor, um zu merken, ob dein Herz-Kreislauf-System besser wird. Drei einfache Beobachtungen zeigen dir, ob du auf dem richtigen Weg bist:

Erstens sinkt dein Ruhepuls über Wochen und Monate langsam ab. Miss ihn regelmäßig morgens vor dem Aufstehen. Zweitens erholt sich dein Puls nach Belastung schneller. Nach einer Trainingseinheit kommt dein Herz schneller wieder auf Normalniveau. Drittens fühlen sich alltägliche Belastungen leichter an. Treppensteigen, Einkaufstaschen tragen, Kinder herumspielen. Dein Körper arbeitet effizienter.

Das sind keine Zufälle. Das sind die messbaren Zeichen eines Körpers, der auf Bewegung reagiert, genau so, wie er es soll.

„Wer regelmäßig trainiert, lebt nicht nur länger. Er lebt besser. Und das spürt man, lange bevor es im Blutbild sichtbar wird.“

Florian Berlinger, BA  ·  Fitness Coach seit 2005, eigenes Studio seit 2011